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HEARTBEAST IM SENEGAL PT.3

21/03/2013

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Samstag, 16. Februar. Das erste Konzert in Dakar steht an. 12:30 Soundcheck? Haben wir noch nie gehört! Egal, wir wollen pünktlich sein. Einer der Trommler, die uns begleiten, hat seine Souroubas (kleine Trommeln) vergessen, irgendwo bei irgendwem. Wir fahren kreuz und quer durch M’bour um irgendwo diese verfluchten Trommeln zu finden. Keine Chance. Irgendwann ist Schluss. Der Gute muss nachkommen. Der andere Trommler sagt: »Wie ein kleiner Junge, der ohne Bücher und Hefte zur Schule geht.«
Um 12 Uhr verlassen wir unseren Stützpunkt M’bour. Nach ein paar Kilometern fährt unser sonst so robuster Safari-Jeep nur noch 40. Irgendwas mit den Bremsen. Sie blockieren. Wir halten an der Straße und Ousmane konsultiert einige der fragwürdigen Erste-Hilfe-Mechaniker, die der Straße entlang ihre Dienste anbieten. Sie benutzen Schraubenschlüssel als Hammer und Hämmer als Schraubenschlüssel. Das semi-fachmännische Ab- und Anmontieren der Reifen kostet uns 4000 CFA. Kann man machen. Wir fahren in ähnlichem Tempo weiter. Zehn Kilometer vor Dakar: Stau. Eigentlich klar. Es ist Samstagnachmittag und es gibt viel zu viele Autos in dieser Stadt. Plötzlich von allen Seiten ein Wahnsinnsgebrüll. Junge Männer rennen fäusteballend an uns vorbei. Sie schlagen ans Auto, klettern auf die Stoßstange, kämpferische Blicke und zu allem bereit! Was ist denn jetzt los?
Es ist Wettkampf in Dakar, la lutte, ein Kampf- und Kraftsport ähnlich dem altertümlichen Ringen. Richtige Männer mit richtigen Muskeln! Die Senegalesen lieben diese Kämpfe. Die Jungs laufen teilweise mehrere Kilometer, um zum Stadion zu kommen, und nutzen dabei ihre temporär-übermenschlichen Kräfte, um egal welches Fahrzeug auf der Autobahn zu überwältigen und es in Trauben zu besetzen. Die Fahrer dieser Autos und Busse grinsen, lachen und lassen sich von der Begeisterung anstecken. Wir nehmen vier, fünf brüllende Berserker bis zu unserer Ausfahrt mit. Wie ein zynischer Hinweis steht unter all den Verkäufern an der Straße ein Mann mit einer kitschigen, überdimensionalen Uhr. Der riesige Sekundenzeiger tickt zuckend und gnadenlos übers Zifferblatt.

Um 15:30 kommen wir am Clubrestaurant Balajo an. Der Techniker ist nicht mehr da. Helge und Nala fangen mit dem Aufbau an. Ousmane und ich wollen noch schnell eine geliehene Monitorbox zu Ousmane Seck bringen. Als wir uns auf den Rückweg zum Soundcheck machen, streikt die Autobatterie. Nee, nicht jetzt! Nach zehn Minuten springt die Karre an. Los! Schon 17:30! Stau. Soweit das Auge reicht. Man kann kaum atmen. 19 Uhr. Soundcheckzeit. Helge und Nala sind mit dem senegalesischen Tontechniker auf sich gestellt. Nicht gut. Wie kommunizieren – und dann noch bezüglich Tontechnik für einen Liveauftritt? Helges tontechnische Fähigkeiten erweisen sich als unersetzbar, verdammen ihn allerdings auch dazu alles allein zu machen. Wer soll so was aushalten?! Angespannte Stimmung im Balajo.
Wir stehen weiterhin im Stau. Ich muss da hin! Springe aus dem Auto und halte den nächstbesten Rollerfahrer an. 2000 CFA (3,50 €)! Bitte, bitte, bring mich so schnell es geht in den Uni-Distrikt. »Schnell« nahm der gute Mann wörtlich. Eine Höllenfahrt! Mit 60 Sachen bei Dunkelheit und ohne Licht zwischen Bussen und Bordsteinen. Plötzlich schwenkt der Fahrer in den Gegenverkehr, ich kralle mich in seine Lederjacke. Mir fällt nichts anderes mehr ein, als lauthals loszulachen. Einige Fußgänger werden regelrecht aus dem Weg geräumt, meine Schulter streift einen Seitenspiegel. Der Tod ist jederzeit überall! Warum nicht jetzt? Wir erreichen mit Ach und Krach den Zielort. Das Adrenalin kommt mir zu den Ohren raus. Drinnen: Stress. Soundcheck. Aber alles läuft, alles gut. Dann der Konzertstart. Plötzlich ist auf allen Instrumenten und Geräten Strom. Helge spielt im weitesten Sinne eingewickelt in einen stärkeren Weidezaun. Der Techniker will partout die Phantomspeisung des Mischpults nicht abschalten! Der Hip-Hop DJ hinter uns muss doch zwischendurch mal mitscratchen können! Wer sich das gewünscht hat? Niemand. Klang scheiße.
Das Konzert läuft mittelmäßig. Helge steht unter Dauerstrom und spürt bald sein rechtes Bein kaum noch. Überfordert und genervt von diesem scheiß Techniker, fällt die Konzentration aufs Spielen schwer. Babacar, der spät mit seinen Souroubas dazukommt, vertrommelt sich. Nala, Helge und Malik ziehen durch. Wir liefern nicht unbedingt grandios ab. Trotzdem sind wir mit unserer Arbeit und unserem Einsatz sehr zufrieden.
Nach uns tritt die komplette Riege des Hip-Hop-Clans von Africulturban auf. Um 1:30 ist die Veranstaltung vorbei. Einpacken, einige Worte wechseln, verabschieden. Mit vollgepacktem Auto und zwei Leuten mehr fahren wir auf nächtlichen Autobahnen und geteerten Pisten gen M’bour. Dann fährt die Karre wieder 40. Kein Mechaniker in Sicht, keine Werkstätten offen. Was soll’s? Wasser auf den glühenden Bremsscheiben verdampfen lassen und weiter! Helge spielt Gitarre, und Nala und er singen um den armen Ousmane bei Laune und wach zu halten. Der ist völlig hinüber. Alle Anderen pennen weg.
Irgendwie kommen wir an. Es ist 5 Uhr irgendwas… Jetzt heißt es: Kraft sparen. Konzentration auf die Aufnahmen und weniger Hektik.17. Februar. Ausschlafen! Nichts bewegt sich. Der Tag ist weg.

18. Februar. Die Bremsen müssen repariert werden. Keine Hebebühnen, keine Hightech-Akkuschrauber. Die Bremsflüssigkeit wird mit einem Schlauch und der Erzeugung eines Vakuums im Mundraum eines Mechanikers aus dem Bremssystem geholt. Die Reparatur dauert den ganzen Tag. Robin macht Fotos. Auf einem kleinen Rundgang auf dem »Place de Autowerkstätten« treffen wir einen Baifal-Anhänger in weißem Wallawalla-Gewand. Baifals sind die Rastafaris Westafrikas. Er bittet uns in sein Haus. In der Ecke sitzt ein vollkommen bekiffter Typ mit Sonnenbrille und klimpert auf einer Gitarre, die er zuvor garantiert noch nie in der Hand gehalten hatte. Zu diesem fragwürdigen Soundtrack erzählt man uns von der Größe Allahs und von der Aufgabe, welche wir Menschen auf dieser Erde haben. Selbstverständlich jene einzige: die Größe Allahs zu preisen!
Man war sich allerdings nicht einig, ob auch ein Weißer die Größe Allahs verkünden könne.
Mit allem gebotenen Respekt können wir uns die Scheiße nicht mehr anhören und selbstverständlich müssen die Belehrungen bezahlt werden. Ousmane ruft an. Auto fertig, ca. 70 €.
19. Februar. Ein sehr produktiver Tag. Wir sind auf dem Dach und nehmen Dundun, Kenkeni, Sangban und Djembé mit Badjallo und Malik auf. Beats, Beats, Rhythm, Rhythm! Wir nehmen auf bis es dunkel wird.
Abends kommt Alasane ins Zimmer gestürmt. Auf dem Dach brennts! Wir laufen mit einem Eimer Wasser nach oben. Ein Küken irgendeines Vogels steht samt einem Stapel Pappkartons in Flammen. Ein angezündeter Grill daneben. Ein paar Kinder wollten wohl mal schauen wie man Küken zubereiten kann. Rechtfertigung nach Auffindung der Übeltäter: »Wir haben eine Kerze aufgestellt, damit das Küken in der Nacht etwas sehen kann.« Haken: Weder Kerze noch geschmolzenes Wachs wurden gefunden. Eigentlich eine schöne Geschichte, das mit der Kerze. Kinder können grausam sein!

20. Februar. Auch heute haben wir den ganzen Tag aufgenommen, ein Balafon gesampelt, einige neue Song-Ideen festgehalten, weitere Grundrhythmen aufgenommen. Die Auswertung in Deutschland wird einiges an Zeit in Anspruch nehmen.

21. Februar. Wir besuchen eine Vogelinsel, um das Gezwitscher aufzunehmen. Viel zu touristisch. Unser begleitender Vogelexperte quatscht die ganze Zeit über Pelikane und »Fischerei-Adler«. Pinguine gibt’s leider keine. Dafür anscheinend Insel-Hyänen. Haben wir aber auch nicht gefunden.

Das Heartbeast-Tagebuch aus dem Senegal – Teil 3